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Tiermedizin studieren – und dann?

Dr. Frédéric Lohr, genannt Fred, 33 Jahre alt, hat an der LMU München Veterinärmedizin studiert und dort 2013 seinen Abschluss gemacht. Im Studium übernahm er von 2010 bis 2012 als Erster das Amt des Präsidenten des zu diesem Zeitpunkt neugegründeten bvvd e.V. und anschließend der IVSA. Heute lebt er in England und ist Director of Strategic Partnerships beim World Veterinary Service (WVS) und Mission Rabies, einer Non-Profit-Organisation, die die globale Eliminierung der durch Hundebisse auf den Menschen übertragbaren Tollwut bis 2030 zum Ziel hat.
In unserem Interview spricht er mit uns über das Erleben von One Health, Erfahrungen seiner Arbeit im Ausland und den Weg in das Angestelltenverhältnis bei einer „non-gouvernmental organization“ (NGO).

 

„Man kann zusehen, wie die Inzidenzen in den Projektländern runtergehen, das ist gleichzusetzen mit der Rettung von Menschenleben.“

 

TAppVaultier:   Hallo Fred, danke, dass du uns heute für dieses Interview zur Verfügung stehst! Fangen wir direkt an: Wie bist du in deinem jetzigen Arbeitsbereich „Veterinary Public Health“ gelandet?

 

Fred:                     Als ich meinen Uniabschluss gemacht habe, war ich gerade Präsident der IVSA. Und auch über mein Studium hinaus habe ich dort noch als Student agiert. Die Präsidentschaft hat dann meinen Berufseinstieg zunächst etwas verzögert, ich war in der luxuriösen Situation, auf ein für mich interessantes Stellenangebot zunächst warten zu können. Dabei habe ich explizit in den Bereichen „Veterinary Public Health“ und „Disease Control“ nach Anstellungen gesucht, die haben mich von Anfang an fasziniert. Durch Zufall bin ich über die IVSA dann mit meinem jetzigen Chef – dem CEO von WVS und Mission Rabies – in Kontakt gekommen und habe so mein Jobangebot bekommen.

 

TAppVaultier:   Also war es schon vor dem Studium deine Intention, in diesem Bereich zu arbeiten?

 

Fred:                     Nein, ich hatte ursprünglich den Wunsch Großtiermediziner zu werden. Im Studium habe ich dann gemerkt, dass mir die klinische Seite zwar Spaß bereitet, ich dort aber nicht meine berufliche Zukunft sehe. Außerdem hat mich die politische Seite der Tiermedizin und die Krankheitskontrolle im Studium dann immer mehr in ihren Bann gezogen.

 

TAppVaultier:   Hattest du den Wunsch, im Ausland zu arbeiten?

 

Fred:                     Es war nicht unbedingt mein Ziel aus Deutschland wegzuziehen, mehr jedoch international zu arbeiten.  Das kam auch durch die IVSA, aber ich war schon immer gerne auf Reisen und bin außerdem in der Grenzregion zu Frankreich im Saarland aufgewachsen.

 

TAppVaultier:   Gerade hast du von politischer Arbeit gesprochen. Inwiefern ist deine Arbeit politisch?

 

Fred:                     Tollwut im speziellen hat mich wie gesagt schon im Studium fasziniert. Vor 12 Jahren hat die europäische Kommission, genauer das DG Health, tiermedizinische Vertreter*innen von allen europäischen veterinärmedizinischen Fakultäten nach Brüssel eingeladen, um gemeinsam zu brainstormen, wie man tiermedizinisch relevante Themen besser in der breiten Öffentlichkeit bekannt machen kann. Ich bin dort für die LMU München erschienen. Auch dort war lustigerweise das erste Thema Tollwut.
Nun ist Tollwut in Europa, vor allem seit den letzten 15 Jahren kein übermäßig großes Thema mehr. Sie bleibt jedoch eine vernachlässigte Tropenkrankheit, die vor allem in Ländern im globalen Süden sehr prävalent ist. Sie ist untrennbar verbunden mit der Entwicklungsarbeit vor Ort – um die Krankheit unter Kontrolle zu bringen, müssen lokale Kräfte ausgebildet werden, die Kapazität in den Ländern, in denen bisher keine Kontrollsysteme existierten, gesteigert werden. Man erlebt den Inbegriff von One Health: Die enge Verwobenheit der Gesundheit der Tiere mit der Gesundheit der Menschen.

 

TAppVaultier:   Wie bist du dann ausgerechnet in England wohnhaft geworden?

 

Fred:                     Die Organisation hat ihren Hauptsitz in England. Daher war es auch sinnvoll dorthin zu ziehen, um dann auch im Büro sein können. Klar, sehr viel Arbeit geschieht im Feld, aber das Ziel ist es wie schon erwähnt, die lokalen Kapazitäten auszubauen. Meine Arbeit beschränkt sich mittlerweile mehr auf die Managementseite.

 

TAppVaultier:   Kannst du uns das noch genauer erklären?

 

Fred:                     Meine Berufsbezeichnung ist „Director of Strategic Partnerships“. Als solches bin ich Teil unseres Senior Managements, eine „Stufe“ unterm CEO, und für die Programmdirektion, Programmentwicklung und das überblickende generelle Management verantwortlich. Diese Aufgaben ziehen mich für gewöhnlich in alle Projektecken.
Heute spricht man mit einem Team in Land A, im nächsten Land setze ich mich mit der Regierung zusammen, um über Projekte zu diskutieren, dann ist eine Konferenz, dann muss man auch mal zur WHO.
Es sind natürlich auch einige Tage, an denen ich mich mit den Teams vor Ort zusammensetze, ansonsten ist die Arbeit aber relativ Verhandlungs-, E-Mail- und Skype-lastig. Die Pandemie hat letzteres noch verstärkt. Ansonsten war ich normalerweise immer meine 6 – 7 Monate im Jahr beruflich auf Reisen, nun seit über einem Jahr nicht mehr.
Anders ist es bei den Projektmanager*innen, die sind in der Regel auf ein Projekt vor Ort festgelegt und verbringen dann dort auch die meiste Zeit.

TAppVaultier:   Was macht deine Arbeit dabei besonders für dich aus?

 

Fred:                     Man sieht sehr viel, man trifft sehr viele interessante Menschen und lernt neue Kulturen kennen. Aber vor allem der Impact, den die Arbeit hat: Man kann zusehen, wie die Inzidenzen in den Projektländern runtergehen, das ist gleichzusetzen mit der Rettung von Menschenleben.
Das faszinierende ist auch das Ziel, auf das wir hinarbeiten. Ich bin gespannt wohin unsere Arbeit führen wird, wir befinden uns in den Anfängen der 2020er Jahre und bis 2030 wollen wir die Infektion mit der durch Hundebisse auf Menschen übertragbaren Tollwut eliminieren.
Auf der anderen Seite stehen 7 Monate Reisen und zwischen 80.000 und 100.000 Flugmeilen pro Jahr. Das kann sehr anstrengend sein. Die Hälfte der 7 Monate verbringt man – einfach gesagt – am Flughafen. Wenn man die Flugpläne in Heathrow auswendig kann, dann weiß man, dass man zu viel Zeit dort verbracht hat. (lacht)
Man muss natürlich auch eine*n Partner*in finden, der*die damit klar kommt, dass man nachts um drei zum Flughafen fährt, obwohl man erst ein paar Tage vorher wieder heimgekommen ist.

 

TAppVaultier:   Hast du vorher erwartet, dass dein Job so sein würde?

 

Fred:                     Ich bin kein großer Büroarbeiter und denke, ich funktioniere besser, wenn ich auf Reisen bin. Von daher habe ich das schon so erwartet und die letzten 14 Monate waren für mich etwas härter.
Natürlich habe ich aber auch schon mal zwischendurch gedacht: Screw it – ich werfe das Handtuch und werde kurativer Tierarzt. So spannend es klingt, aber sich mit Regierungsvertreter*innen und internationalen Organisationen zusammenzusetzen kann auch im gleichen Maß frustrierend sein. Auch die Mitarbeiter*innenführung, einem Feld, in dem ich mich viel bewege, habe ich im Studium nicht gelernt und musste somit eine durchaus anstrengende steile Lernkurve hinlegen.
Letzten Endes bleibt es ein sehr facettenreicher Job, den ich mir so gewünscht habe.

 

TAppVaultier:   Auf diese Situation wollen wir genauer eingehen: Situationen, in denen du das Handtuch werfen willst. Gibt es dazu Anekdoten?

 

Fred:                     Wenn du zum Beispiel einen Projektplan schreibst, und dann sagt eine Regierung „Ne.“, oder du schreibst Verträge und sie werden doch wieder geändert. Und manchmal hast du dann drei oder vier Mal diese Situation in einer Woche und denkst dir irgendwann nur noch: „Warum?! Wenn es doch eh keiner machen will, warum mache ich das überhaupt?!“
Und dann in der nächsten Woche bekomme ich die Ergebnisse von einem anderen Projekt und denke: „Jap. Darum!“ (lacht)
Aber das ist ja nicht speziell auf meinen Beruf bezogen, denke ich.

TAppVaultier:   Gibt es denn einen typischen Arbeitstag für dich?

Fred:                     Der Arbeitstag startet normalerweise mit mindestens zwei Tassen Kaffee. (lacht)
Ab 4:30 Uhr, wenn unsere Arbeit in Indien anfängt, kommen die ersten WhatsApp-Nachrichten rein und ich habe im Prinzip, sobald der Wecker klingelt, schon die ersten Status-Updates auf dem Bildschirm.
Dann fahre ich ins Büro, beantworte meine Mails und es geht auch schon los mit den Meetings: morgens meistens mit dem UK-Team, dem Team in Asien oder in Afrika. Nachmittags nutze ich meist die Zeit zum Redigieren von Marketingtexten auf wissenschaftliche Kohärenz, für neue Entwürfe für Materialen, Projektanträge, Fördergeldanträge.
Unsere ganze Arbeit ist wissenschaftlich gefußt, die Publikationen daraus landen dann auch regelmäßig auf meinem Schreibtisch, manchmal verfasse ich auch selbst eine.
Abends stehen dann Meetings mit den Teams in Amerika oder Australien an. Dann ist es so 20 Uhr, wenn ich nach Hause komme.

 

TAppVaultier:   Wow, das ist auch alles andere als ein „9 to 5 – Job“. Stört dich, dass du so wenig frei hast?

 

Fred:                     Es ist Teil des Jobs, dessen muss man sich durchaus auch bewusst sein. Ich versuche mir die Wochenenden so frei wie möglich zu halten und es auf WhatsApps zu beschränken. Auch habe ich auf meinem Handy nur eine meiner beiden Arbeitsmailadressen. Aber wenn etwas ansteht, dann steht es eben an. Wenn der Flug in non-Pandemie-Jahren dann sonntags günstiger ist als montags, dann fliege ich eben sonntags. Wir sind eine wohltätige Organisation, da ist das Budget begrenzt. Ich kann mir da nicht sagen: „Die 200 Euro Preisunterschied sind mir egal.“
Darüber hinaus hängt auch viel vom persönlichen Umfeld ab. Meine Partnerin ist auch Tierärztin, ich habe sie über die IVSA kennengelernt und das Verständnis und die Unterstützung von ihrer Seite ist sehr hoch, sonst könnte ich das in dieser Form auch gar nicht machen. Vor zwei Jahren beispielsweise bin ich Sonntagsmorgens aus den USA zurückgekehrt, meine Partnerin hat mich am Flughafen mit einem „frischen“ Koffer getroffen, ich habe ihr meinen „gebrauchten“ mitgegeben und bin dann weitergeflogen nach Malawi.

 

TAppVaultier:   Wie sieht es aus in Sachen Gehalt? Kannst du von deinem Job leben?

 

Fred:                     Ja, ich kann davon leben. Ich bin in der glücklichen Position, dass ich zwei Jobs habe, den einen bei Mission Rabies, den anderen bei WVS. Das ist allerdings auch erst seit zwei Jahren so. Jeder Job für sich genommen: Also ich bekomme nicht das Gehalt eines acht Jahre qualifizierten Tierarztes. Durch die Kombination geht es aber ganz gut.
Im Hinterkopf muss man aber auch behalten, dass hier keine großen Gehaltssprünge möglich sind, es bleibt eine wohltätige Organisation. Ein Teil des Gehalts – wenn man es mit dem der Kolleg*innen in anderen Bereichen vergleichen möchte – wird eben gewissermaßen gespendet, um die entsprechende Arbeit auch vorantreiben zu können. Damit habe ich kein Problem, ich fühle mich nicht unterbezahlt. Aber man sollte sich einfach bewusst sein, dass man keine großen Gehälter in diesem Bereich zu erwarten hat. Anders sieht das natürlich noch mal bei großen Organisationen oder denen der Regierungen aus, aber die wenigsten gehen vermutlich den Weg in die NGOs, weil sie viel Geld verdienen wollen. Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass jede*r kurative Praktiker*in „geldgeil“ ist, im Gegenteil, die Motivation ist einfach noch mal eine andere.

 

TAppVaultier:   Erkennst du selbst die Wichtigkeit deiner Arbeit? Du sprachst ja bereits von sinkenden Inzidenzen…

 

Fred:                     Ja klar. Zum Beispiel: In einem unserer Projektgebiet Goa in Indien ist seit zwei Jahren niemand mehr an Tollwut gestorben. Davor gehen wir von Daten von über 100 Tollwuttoten pro Jahr in Goa aus. Jedes Mal, wenn ich mich im Feld mit Menschen unterhalte, die Angehörige an die Krankheit verloren haben, wird dadurch die Wichtigkeit aufgezeigt.
Und nun noch mal ganz von der Prävalenz weg: Um bei Goa zu bleiben, dort gibt es viele Straßenhunde, die gefangen werden müssen. Hundefänger*innen genossen dort lange Zeit kein besonders gutes Ansehen, mittlerweile, dadurch dass die Bevölkerung gesehen hat, welchen positiven Einfluss unsere Arbeit hat und diese Anteil an ihm haben, werden sie beklatscht und sind stolz, ihren Beruf auszuüben. Man hilft also auch Einzelpersonen und der Tierschutz wird durch unsere Schulungen verbessert.

TAppVaultier:   Dein Beruf ist sehr exklusiv – so, wie er sich für dich gestaltet, gibt es ihn vermutlich nicht besonders häufig auf der Welt. Wir haben uns die Frage gestellt: Was sind die Voraussetzungen, wie sind die Chancen, wenn man sich für diese Branche interessiert? Muss man, um dort eine Stelle zu ergattern, einfach „Glück“ haben?

 

Fred:                     Ich schätze die Chancen Zoomediziner*in zu werden sind höher, als im Feld der Tollwutkontrolle zu arbeiten. (lacht) Unmöglich ist es nicht.
Was es gerade für deutsche Tiermediziner*innen schwierig macht, ist die Freiwilligenarbeit, die dort im Vergleich zum angelsächsischen Ausland eher reduziert zu finden ist.
Über 2/3 unserer Angestellten haben ihren Job über ihr vormals freiwilliges Engagement bei uns erhalten. Stellenausschreibungen haben wir aus ebendiesem Grund so gut wie nie, wir nehmen dann gerne Leute, von denen wir schon wissen, dass sie die Stressoren kennen und mit ihnen umgehen können. Man sieht sehr viel Tierleid, dass auch durch Menschen zugefügt wurde, seien es Machetenschnitte oder Tritte. Sehr viele Tiere sind Arbeitstiere und keine Haustiere. Man ist einfach einer anderen Art von Tierleid ausgesetzt, die man in Deutschland so nicht kennt und hat noch dazu weniger Mittel, um das Thema anzugehen.
Unsere Mitarbeiter*innen sprechen alle mindestens zwei Sprachen, das ist ziemlich wichtig.
Wenn jemand wirklich an der Branche interessiert ist, dann würde ich empfehlen, nach Freiwilligenprojekten zu suchen, sich dort zu beteiligen und einfach mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Man muss wirklich am Ende schauen, ob man flexibel genug ist und ob einem die Arbeit wirklich taugt: „Das waren nun zwei Wochen. Will ich das mehrere Jahre machen?“
Familienfeiern zu besuchen oder generell in die Zukunft zu planen ist in diesem Feld immer schwierig, das merke ich selbst häufig.

 

TAppVaultier:   Abschließend: Was möchtest du Studierenden mit auf den Weg geben?

 

Fred:                     Meine persönliche Anekdote. Ich hatte im Studium drei Prinzipien:

1. Date keine Tiermedizinerin.
2. Definitiv USA über Großbritannien.
3. Hab nichts mit Kleintieren zu tun.

Diese drei Prinzipien habe ich alle gebrochen und bin trotzdem happy. Selbst wenn ihr also festgefahrene Ziele habt, schließt keine Türen, man kann auch anderweitig seinen Weg finden.
Abgesehen davon: Lernt von jedem Menschen, dem ihr auf eurem Weg begegnet. Macht Praktika im Ausland, schaut einfach mal, wie es in anderen Ländern gemacht wird.
Manchmal erreicht man mehr, mit weniger ausgeklügelten Methoden. Vielleicht trete ich damit nun in ein fieses Fettnäpfchen, aber genau das finde ich immer wieder faszinierend: Schon die einfachsten Mittel können viel bewirken.