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Tiermedizin studieren – und dann?

In unserer neuen Kategorie „Berufsfelderkundungen“ wollen wir euch, den Tiermedizinstudierenden oder auch Studienganginteressierten einen Einblick in die verschiedenen Karrierewege geben, die sich nach dem abgeschlossenen Studium der Veterinärmedizin eröffnen. Dazu führen wir Interviews mit Tiermediziner*innen, die euch und uns von ihrem Beruf und den damit verbunden Erfahrungen erzählen. Habt ihr weitere Fragen an die Interviewpartner*innen? Gibt es ein tiermedizinisches Berufsfeld, das euch besonders interessiert und von dem ihr in der nächsten Ausgabe gerne lesen würdet?  Dann schreibt uns gerne unter verbandsblatt@bvvd.de und wir kümmern uns darum.

„In meinen Augen ist der Weg bis zum Tod hin tierschutzrelevant und nicht der Tod per se.“

Tim Christer, 27 Jahre alt, studierte an der Tierärztlichen Hochschule Hannover Tiermedizin.
Im Rahmen seiner Doktorarbeit forscht er an der Uniklinik der RWTH Aachen in der Klinik für Plastische Chirurgie, Hand- und Verbrennungschirurgie in einem Projekt zur Evaluierung des Nutzungspotentials von Fibroinverbundsystemen aus Seidenfibroin für die Geweberegeneration.
Dort untersucht er die Vaskularisation, Biodegradation und Biokompatibilität verschiedener Stützstrukturen aus Seidenfibroin im AV-Loop Modell der Ratte und kümmert sich als Tierarzt um die Versuchstiere und seine tierexperimentell arbeitenden Kollegen.
In unserem Interview gibt Tim uns einen Einblick in seinen interprofessionellen Arbeitsalltag und redet mit uns über Tierschutz und Verantwortung.

 

TAppVaultier:   Hallo Tim, danke, dass du uns Rede und Antwort stehst. Um zu starten: Wie würdest du deinen Beruf bezeichnen?

Tim:                       Ich sage mal so, das Witzige bei meinem aktuellen Job ist im Endeffekt, dass ich immer das bin, was man in dem Moment sein soll: Tierarzt, Versuchstierkundler, Forscher oder der kleine Doktorand. Das tierexperimentelle Arbeiten ist definitiv nicht klassisch tierärztlich kurativ, aber natürlich haben auch Versuchstiere unabhängig von den Versuchen ihre tierärztlichen Baustellen um die ich mich kümmern muss.

TAppVaultier:   Du bist für uns womöglich der perfekte Starter für diese neue Rubrik. Unsere Leser*innen denken sich bei deinen Worten unter Umständen: „Oh, das gehört auch dazu? Ich kann als Veti also auch in der Humanmedizin ein bisschen mitmischen?“

Tim:                       In der Versuchstierkunde ist das eher die Regel als die Ausnahme. Der Großteil der tierexperimentellen Forschung, die man als Tierarzt macht, ist definitiv anthropozentrisch ausgerichtet

TAppVaultier:   Wann kam denn bei dir das erste Mal der Wunsch auf, nach deinem Studium in dieses Arbeitsfeld der Tiermedizin einzusteigen?

Tim:                       Moment… Wann hatte ich meine Biochemie-Physikumprüfung in Biochemie? War das im zweiten oder dritten Semester?
Jedenfalls habe ich früh im Studium mit dem Gedanken geliebäugelt.
Damals habe ich in den Semesterferien ein freiwilliges Praktikum in der Biochemie gemacht, weil ich im Institut ein paar Leute kannte, die echt korrekt waren und sich das ganz interessant angehört hat.
Da bin ich dann auch zum ersten Mal im versuchstierkundlichen Kontext klassisch mit Mäusen in Kontakt gekommen.
Forschung ist fand ich eigentlich schon immer ziemlich cool und dann noch gleichzeitig mit Tieren arbeiten. Das Gesamtpaket hat mir auf Anhieb viel Spaß gemacht und macht es auch immer noch.

TAppVaultier:   So sollte es jedenfalls sein. Aber nach deinem Studium oder im PJ hast du nicht noch mal andere Zweige der Tiermedizin in Erwägung gezogen?

Tim:                       Nein, das war relativ straight. Ich habe dementsprechend auch mein PJ ausgerichtet und mein großes Kuratives in der Klinik für Heimtiere, Ziervögel, Wildvögel und Reptilien gemacht, weil dort gerade die kleinen Säuger eben die gängige Versuchstierspezies darstellen. Auch meine anderen Praktika habe ich, soweit es neben Amt & Co. möglich war, daran angepasst.

TAppVaultier:   Glaubst du denn, dass es notwendig ist, sich im Studium in der wissenschaftlichen Richtung schon aktiv einzubringen, wenn man später dann in dem Bereich arbeiten möchte?

Tim:                       Es ist nicht unbedingt notwendig, aber Sinn macht es schon. Ich habe zum Beispiel im Studium schon meine FELASA-B und C Kurse gemacht, FELASA steht für „Federation of European Laboratory Animal Science Associations“. Ich muss wirklich so aufpassen, dass ich nicht so viele kryptische Abkürzungen verwende.
Nach diesen Kursen bekommst du Sachkundenachweise, die dir belegen, dass du Tierversuche überhaupt machen und später auch leiten darfst. Wenn man versuchstierkundlich arbeiten möchte, zum Beispiel im Rahmen einer tierexperimentellen Doktorarbeit, führt fast kein Weg am FELASA-B Kurs vorbei und es spart natürlich einiges an Zeit und Geld, wenn man diesen schon im Rahmen seines Studiums gemacht hat.

TAppVaultier:   Welche Voraussetzungen hältst du denn darüber hinaus für angebracht, wenn jemand deinen Weg einschlagen möchte?

Tim:                       Eine gewisse Ruhe bei der der Arbeit mit Tieren ist vermutlich in jeder tiermedizinischen Berufssparte von Vorteil. Wissenschaftliches Interesse und einen soliden Überblick im Bereich der gängigen Labormethoden sind ebenfalls vorteilhaft, da man sich in einem primär wissenschaftlichen Umfeld bewegt und als Tierarzt von Haus aus doch eher der kurativ ausgebildete Exot ist.
Außerdem muss einem bewusst sein, dass man den Großteil der Tiere, mit denen man arbeitet und zu denen man natürlich auch eine Beziehung aufbaut, nach dem Versuch töten muss.

TAppVaultier:   Verständlich. Es sollte auf jeden Fall klar sein, dass man in deinem Beruf mit der Macht umgehen muss, die man über Leben und Tod des Tieres letztlich hat.

Tim:                       Was heißt hier Macht an der Stelle?

TAppVaultier:   Zumindest das Bild eines/einer Tiermediziner*in ist sonst eher davon geprägt, dass die Praktizierenden am Wohl der Tiere und deren Überleben interessiert sind. Das einem Tier in der Behandlung häufig erst einmal wehgetan wird, bevor es ihm besser geht, sei einmal dahingestellt.

Tim:                       Ich würde sagen, dass sich in meinen Augen die Versuchstierkunde summa summarum vor dem „Wir tun den Tieren etwas Gutes“-Hintergrund nicht besonders groß vom Bereich der Nutztierpraxis und emotionalen Nutztierpraxis unterscheidet. In der Nutztierpraxis wird geschaut, inwiefern die Behandlung eines Tieres überhaupt wirtschaftlich ist und im Zweifelsfall wird es eben getötet und eventuell schon vor dem geplanten Zeitpunkt verwertet. Im Bereich der Kleintierpraxis sieht man sich oft mit Qualzucht und falsch gelebter „Tierliebe“ konfrontiert, was in meinen Augen ebenfalls das Prädikat „Tierschutzrelevant“ verdient hat.
In meinem Feld ist einer der große Vorteile: Wenn ich mit meinen Tieren arbeite, dann gibt es festgelegte Kriterien, wann ein Tierversuch abgebrochen wird und man das Tier tötet, um ihm weitere Schmerzen, Leiden und Schäden zu ersparen. Diese Möglichkeit hat man als Tierarzt in der Kleintierpraxis nicht unbedingt. In erster Linie ist man dort nämlich Dienstleister für den Menschen, dessen Tier man behandelt. Die Patientenbesitzer treten dort mit einer Erwartungshaltung an dich heran und diesem „Kundenwunsch“ muss man entsprechen, wenn man dieses Kunden langfristig nicht verlieren will. Dieses Dilemma habe ich im Rahmen eines Tierversuchs nicht. Wenn ich feststelle, dass ein Versuch aufgrund von objektiven Kriterien gewisse Belastungen für das Tier überschreitet, muss ich, soweit es der Versuch erlaubt, eine Behandlung einzuleiten oder darf und muss das Tier, wenn ein definierter Punkt überschritten wird, töten. In meinen Augen ist der Weg bis zum Tod hin tierschutzrelevant und nicht der Tod per se. Im Endeffekt ist das alles – wie schon gesagt – sehr anthropozentrisch geprägt.

 

TAppVaultier:   Gedankenansätze, die es aufzugreifen lohnt. Du und deine Kollegen seid nicht daran gebunden, was beispielsweise ein/e Tierhalter*in in das eigene Tier investieren möchte, oder umgekehrt, wie lange man dessen Tod hinauszögern will. Aber nun zu einem anderen Thema: Wie gestaltet sich dein Beruf? Welche Arbeitszeiten hast du beispielsweise?

Tim:                       Was meine Arbeitszeiten angeht bin ich, im Kontrast zu meinen humanmedizinischen Kollegen, grundsätzlich sehr frei, was mir erlaubt neben der Arbeit auch noch ein adäquates Sozialleben zu haben.
Wichtig ist meinen Vorgesetzten, dass ich mein Pensum erfülle und nicht die Zeit, in der ich es erfülle.
Je nachdem wie ich meinen Tag plane, findet man mich am Schreibtisch, im Labor, am Mikroskop, in der Tierhaltung oder im OP.
Wenn ich Tiere im Versuch habe, muss ich post OP jeden Tag bis zu zweimal zu ihnen, Medikamente geben und ein Scoring vornehmen.
Ich score definierte Parameter, wie das Körpergewicht, das Spontanverhalten, den Allgemeinzustande der Tiere sowie versuchsspezifische Kriterien. Daraus ergibt sich dann ein kumulativer Score, von dem sich Maßnahmen ableiten, wie zum Beispiel eine erweiterte Schmerzmedikation oder auch als ultima ratio der Abbruch des Versuchs.

TAppVaultier:   Wirst du für deine Doktorarbeit bezahlt?

Tim:                       Ich habe das Glück, dass ich eine mit 65 % bezahlte E13 Stelle habe. In meinen Augen ist darüber hinaus das Herausragende daran, dass ich für das Projekt bezahlt werde, in dem ich arbeite. Es gibt ganz viele Institute und Kliniken, in denen sich die Studierenden die Möglichkeit zu promovieren dadurch „erkaufen“, dass sie im Institut Arbeit ableisten, die aber nicht zwingend etwas mit der Doktorarbeit zu tun hat. Das habe ich nicht. Ich muss und soll mich wirklich nur um meine Doktorarbeit kümmern. 

TAppVaultier:   Das ist wirklich nicht unbedingt die Regel, wow. Ich denke wir sind uns auch einig, dass das „umsonst Arbeiten“ vieler Doktorand*innen nicht mehr zeitgemäß ist. Wie würdest du denn deinen Workflow beschreiben?

Tim:                       Das kommt drauf an, wie man sich selbst seine Versuche taktet.
Insofern würde ich sagen, dass das Arbeitstempo stark von mir abhängt. Manchmal wird man aber auch unfreiwillig durch Dritte ausgebremst, weil der OP belegt ist, Materialen nicht rechtzeitig geliefert werden oder Vorversuche in vitro, die vor deinen Versuchen in vivo gemacht werden, nicht funktionieren, weil irgendwas schief geht.
In der Forschung funktioniert nicht immer alles im ersten Anlauf, somit kann dadurch die Arbeit auch schon mal unfreiwillig entschleunigt werden.

TAppVaultier:   Was war bisher das schönste Erlebnis in deinem Beruf?

Tim:                       Letzte Woche habe ich die ersten histologischen Schnitte von meinen Tieren ausgearbeitet. Dabei habe ich feststellen dürfen, dass mein Versuch erfolgreich war, so wie ich es mir gedacht habe. Experimente können schließlich auch erfolglos bleiben und da ist so ein Erfolg einfach schön.

TAppVaultier:   Und was war das bisher schlimmste Erlebnis?

Tim:                       Für mich persönlich, als ich im Rahmen einer finalen Blutentnahme am Versuchsende eines meiner Lieblingslamas getötet habe.

TAppVaultier:   Danke auch für diesen Einblick. Was ist denn im alltäglichen Sinne für dich das Beste an deinem Job und was das Schlechteste?

Tim:                       Das Beste ist die Arbeit mit den Tieren. Das Schlechteste die Drittmittelabhängigkeit der Forschung und der ständige Publikationsdruck. Wenn man zum Beispiel negative Ergebnisse hat, dann kann man das häufig nicht publizieren, da diese Ergebnisse nur ganz wenige Journals annehmen. Ich fände die Publikation von Negativergebnissen wäre allein schon aus dem Grund wichtig, dass andere Leute dieses Experiment nicht noch mal machen, weil Sie denken, dass noch niemand diese Fragestellung untersucht hat.

TAppVaultier:   Danke für deine ausführlichen Erläuterungen und die interessanten Eindrücke. Abschließend: Würdest du insgesamt sagen, dass dir deine Arbeit gefällt?

Tim:                       Es gibt natürlich immer Höhen und Tiefen, aber was mir besonders gefällt ist aus diesem „tiermedizinischen Sumpf“ auch mal herausgekommen zu sein. Ich arbeite in erster Linie mit Humanmediziner*innen, Materialwissenschaftler*innen und Biolog*innen zusammen. So kann man sehr gut auch mal den sprichwörtlichen Blick über den Tellerrand leben und das Projekt und auch ich profitieren von den Ideen und der Expertise aus verschiedensten Fachdisziplinen.

  • SH·